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Charles Pasi
photo by Universal Music Group
title: Bricks
release: 29. September 2017
label: Blue Note/Universal
cat: 00602557700978
photo by Universal Music Group
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"Bricks"

Als in Frankreich vor anderthalb Jahren die Nachricht die Runde machte, dass Charles Pasi einen Plattenvertrag über drei Alben bei dem renommierten Jazzlabel Blue Note ergattert habe, war die Jubelstimmung in Paris groß. Pasi ist der erste französische Sänger, der von dem traditionsreichen US-amerikanischen Label unter Vertrag genommen wurde. Bevor Pasi die Blue-Note-Offerte erhielt, tourte der mittlerweile 33-Jährige mit den Songs seines letzten Albums “Sometimes Awake” durch die Welt. Letztes Jahr lud ihn Neil Young persönlich dazu ein, bei fünf Konzerten in Frankreich in seinem Vorprogramm aufzutreten. Was um so verwunderlicher ist, da Pasi sein Album ohne großen Lärm herausgebracht hatte. Aber an die üblichen Gepflogenheiten des Musikmarktes hatte sich Pasi ohnehin noch nie gehalten. Er nahm sein Schicksal immer selbst in die Hand. Und dazu brauchte er nur seine Mundharmonika, seine Komponistenfeder, seine Stimme und sein überfließendes Herz.

Es ist allerdings nicht so, dass Charles Pasi über Nacht vom Himmel gefallen ist. Sein erstes Album “Mainly Blue” brachte er bereits 2006 in Eigenregie heraus. Fünf Jahre später ließ er mit “Uncaged” ein zweites Werk folgen, mit dem er einiges Aufsehen erregte. Nicht zuletzt, weil sich auf ihm in zwei der besten Nummern (“Better With Butter” und “Farewell My Love”) der alte Free-Jazz-Recke Archie Shepp mit seinem Tenorsaxophon spannende “Duelle” mit Pasis Blues-Harp lieferte. 2014 erschien schließlich noch das dritte Album “Sometimes Awake”, mit dem Pasi das Ohr von Blue-Note-Präsident und Produzent Don Was erreichte. Mit dem Album “Bricks” legt der 33-jährige Italo-Franzose nun also den Grundstein für seine neue, internationale Karriere.

Die Songs für “Bricks” wurden in einem Zeitraum von achtzehn Monaten in Studios in Paris und Brüssel aufgenommen und - wie schon “Sometimes Awake” - von Pasi zusammen mit Jean-Philippe Verdin produziert. Es ist ein Album von eleganter Intensität und sich ständig verändernden Klangfarben (stilistisch changierend zwischen Jazz, Blues, Pop und Soul), das zugleich sehr ausgefeilt arrangiert und vor allem sehr auf das Wesentliche reduziert ist. “Ich denke, die Songs sprechen für sich selbst”, meint Charles Pasi. “Das erklärt auch, weshalb ich sie nicht überladen wollte. Sie sollten geradlinig sein. Ich finde, das Album entfaltet so mehr Wirkung, es ist direkter, rauer. Es ist auch moderner, weil der Rhythmus - Bass und Schlagzeug - eine zentrale Rolle spielt. Dass es auf das Wesentliche reduziert ist, hat nichts mit Faulheit zu tun. Ich arbeitete sehr hart daran, dieses Resultat zu erzielen.” Tatsächlich legte er die Songs bis auf die Knochen frei, stutzte sie zurecht und drang so zu ihrem Kern vor. Es war nicht die Zeit für Verschrobenheiten oder Überladenes. Nicht der Moment für Ablenkungsmanöver oder ermüdende Gimmicks. Und das wusste er.

Seit 2014 pendelt Pasi zwischen Paris und Nizza hin und her. Die Tragödien, die diese beiden Städte in der jüngeren Vergangenheit heimsuchten, hat er hautnah miterlebt und natürlich nicht vergessen. Das Leben ging danach für ihn nicht einfach weiter, als wäre nichts passiert. Der Song “Shoot Somebody” (den man auf dem Album auch in einer umwerfenden akustischen Version findet) reflektiert die Erlebnisse in gewisser Weise: “Diese Ereignisse haben mich umgekrempelt und beinahe gelähmt”, gesteht Pasi. “Es läuft alles auf dieses Paradox hinaus: in derselben Stadt gibt es einen Jugendlichen, der ausgehen und singen und tanzen möchte, und einen anderen, der rausgehen und um sich schießen will. Ein solches Paradox können nur große Städte hervorbringen. Eine Stadt befindet sich in einem konstanten Umbruchprozess.”

Pasi schrieb sämtliche Stücke, spielte natürlich Mundharmonika und auch akustische Gitarre.  Mit “Bricks” ist sein bislang versiertestes, lebendigstes Album. Über den Titel sagt er: “Bausteine sind das, was man am Anfang hat, wenn man etwas konstruiert. Aber sie sind natürlich auch noch da, wenn man fertig ist. Und wenn nichts anderes übrigbleibt, gibt es immer noch Bausteine. Man schaut eine Ruine an: man sieht Bausteine. Ein Baustein kann einerseits ein Wurfgeschoss sein und andererseits etwas Sicheres. Bausteine stehen für Heim, ein Symbol des Geschütztsein. Und dann gibt es den Baustein, den man werfen kann. Ich dachte, das sei eine gute menschliche Metapher. Zwei Menschen können sehr unterschiedliche Bestimmungen haben, wie zwei Bausteine. Und dann verkörpern Bausteine auch noch die Elemente: Erde, Feuer, Luft und Wasser.” Auf diesem Album gibt es drei immer wiederkehrende Themen: die Stadt, Bausteine und Widersprüche. “Dieses Album handelt davon, was es heute bedeutet, in einer Stadt zu leben”, fährt Pasi fort. “Es geht nicht um Lobpreisung oder Anklage. Ich möchte nicht urteilen, sondern nur beschreiben.” Denn Pasi ist ein scharfer Beobachter. Zugleich ist er kein Vogelstrauß, der seinen Kopf in den Sand steckt und die Augen vor den Problemen verschließt, sondern eher ein Adler, der wachsam über der Stadt kreist und beobachtet, was dort unten vor sich geht.

Er ist sich bewusst, dass der Mensch gleichzeitig Opfer und Täter ist, Familie und Folter, Licht und Schatten, Wunder und Chaos. Vielleicht ist das Album gerade wegen dieser Dualitäten so beeindruckend. “Manchmal wurde ich dafür kritisiert, zu pessimistisch zu sein”, sagt Pasi. “Ja, ich habe kein Problem mit der Melancholie, die auf diesem Album bisweilen an die Oberfläche kommt. Außerhalb dieses Kontextes spielt sie aber keine Rolle. Wenn man eine Platte macht, wenn man Musik macht, dann ist das keine traurige Betätigung, niemals. Es ist immer eine erhellende, lebensbejahende Tätigkeit. Ein Typ, der sich aus dem Fenster stürzen will, denkt nicht darüber nach, einen Song zu schreiben. Musik ist Vitalität, das Verlangen zu leben und, natürlich, Katharsis.”

Es ist kein Wunder, dass die schonungslos offenen und ehrlichen Songs von Charles Pasi ein immer größeres Publikum finden. Sie täuschen einem nichts vor und wachsen, während man sie hört. Und sie zeugen zugleich von einer unbestreitbaren Klasse und Kraft. In Frankreich ist man sich schon seit längerem darüber einig, dass Charles Pasi ein “irrsinniges musikalisches Talent” besitzt. Auf “Bricks” stellt er es nun endlich eindrucksvoll der ganzen Welt vor.

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