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Madeleine Peyroux
photo by Decca/Universal Music Group
photo by Shervin Lainez
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"Anthem"

Es gibt nur wenige zeitgenössische Künstlerinnen, die von sich behaupten können, ihren ureigenen musikalischen Weg so unbeirrt verfolgt zu haben wie Madeleine Peyroux.  Acht Alben und 22 Jahre nach ihrem sensationellen Debüt “Dreamland” lässt sich die Sängerin und Songschreiberin immer von ungebrochener Neugierde und Experimentierlust antreiben. Auf ihrem neuen Album “Anthem” arbeitete die inzwischen 43-Jährige eng mit den Songwritern und Musikern Patrick Warren (Bonnie Raitt, JD Souther, Bob Dylan, Bruce Springsteen, Lana Del Rey, The Red Hot Chili Peppers), Brian MacLeod (Sara Bareilles, Leonard Cohen, Tina Turner, Ziggy Marley) und David Baerwald (Joni Mitchell, David + David, Sheryl Crow) zusammen, die auch den Kern ihrer Rhythmusgruppe bilden. Gemeinsam werfen sie einen nüchternen, poetischen und manchmal philosophischen Blick auf den aktuellen Zustand der Welt.

Das von Larry Klein produzierte Album nahm 2016 während der heißen Phase des US-amerikanischen Wahlkampfs erste Formen an. Damals waren die Autoren über viele Monate hinweg einer “konstanten Nachrichtenflut” ausgesetzt. Die “bewussten, aber nicht zu sehr predigenden” Songs verquicken Peyroux’ manchmal politische Ansichten mit Einblicken in ihre persönliche Welt. Dabei ist es Peyroux und ihren Koautoren gelungen, die perfekte Balance zwischen dunklem Humor und Mitgefühl herzustellen.

“Wir waren alle zusammen im Studio, dachten über das nach, was gerade in der Welt passierte, und ließen uns auch von persönlichen Erfahrungen auf Ideen bringen”, erinnert sich Peyroux. Im September 2017 brachte der Tod des Dichters John Ashbery den trauernden David Baerwald dazu, über die vielbewunderten Persönlichkeiten nachzudenken, die wir in den letzten Jahren verloren haben. Daraus resultierte dann der Song “All My Heroes”, in dem Baerwald an die bahnbrechende Fähigkeit dieser Figuren erinnert, einem den Weg zu weisen und “Feuer in der Dunkelheit zu entfachen”, aber auch ihre sehr menschliche Verletzlichkeit nicht verschweigt.

Die Inspiration für den stimmungsvollen, von Baerwald, Klein, MacLeod, Peyroux und Warren geschriebenen “Lullaby” lieferte “die Vorstellung von einer einsamen Frau mitten im weit offenen Meer, die ihrem Kind, oder vielleicht auch sich selbst, ein beruhigendes Lied vorsingt, während sie in den Abgrund der Welt blickt”. Das Lied entwirft mit fesselndem Einfühlungsvermögen ein eindringliches Bild der Verzweiflung einer Vertriebenen, die von Erinnerungen an “eine Zeit vor dem Krieg” gequält wird und in einem Schlauchboot auf das Unbekannte zusteuert.

“Anthem” verknüpft die schillernden Geschichten von Menschen, die sich den Herausforderungen des Lebens auf vielfältige Weise stellen. Mit Pathos und einer Spur von Ironie werden in “Down On Me” finanzielle Schwierigkeiten beklagt. Im bluesigen “The Ghosts Of Tomorrow” geht es um Enttäuschung und unerfüllte Träume, während “The Brand New Deal” ein vernichtend scharfer gesellschaftspolitischer Kommentar ist. “Anthem” präsentiert eine deutlich gereifte Madeleine Peyroux, die sich präziser zu artikulieren versteht. Inspiriert von der Begabung ihres Idols Leonard Cohen, “für die Arbeit zu leiden, aber dem Hörer dennoch nur einen freundlichen Gedanken anzubieten”, sendet Peyroux angesichts einer turbulenten Realität eine spirituelle, aber eindeutige Botschaft der Hoffnung, des Optimismus und der Widerstandfähigkeit.

Bei zwei Stücken des Albums griff Peyroux auf Vorlagen zurück. Einmal auf das Gedicht “Liberté”, das der französische Poet Paul Éluard während des Zweiten Weltkriegs schrieb. Und die monumentale Titelnummer stammt aus der Feder des Songwriters, Dichters und Schriftstellers Leonard Cohen. Peyroux interpretiert hier nun schon zum dritten Mal ein Werk der kanadischen Songwriter-Ikone. Cohens gefühlvolles Meisterwerk, das schnell zu Peyroux’ “persönlicher Hymne” wurde, half ihr mit seiner unheimlichen Relevanz dabei, “alle Geschichten auf der Platte miteinander zu verknüpfen”. Cohen besaß die erstaunliche Fähigkeit, die menschliche Psyche anzuzapfen und “einen zum Nachdenken zu bringen, ohne einen dazu zu zwingen”. Dieser Gedankengang lag auch diesem Projekt zugrunde und führte zu einem flüssigeren Schreibstil.  “Es geht mehr darum, etwas zu sagen als alles zu sagen”, meint Peyroux. Zu den leichteren Melodien von “Anthem” gehören “On My Own”, “On A Sunday Afternoon” und das nach den 1970ern klingende “Party Tyme”, das indes “eine gewisse Dunkelheit hat”.

Ein Schlüsselstück des Albums basiert auf Paul Éluards Gedicht “Liberté”. Peyroux entdeckte das Gedicht, als Carole Lenfant, eine Freundin der Familie, sie bat, einen Song für den Dokumentarfilm “Sur La Pointe des Pieds” (“Auf Zehenspitzen”) zu schreiben. Der Film erzählt die Geschichte von Caroles schwerkranken Sohn und ihrer Familie, die sich mit dessen tödlicher Krankheit (Duchenne-Muskeldystrophie) konfrontiert sieht. Der französische Chansonnier Marc Lavoine hatte das in ganz Frankreich bekannte Gedicht für das überaus populäre Wohltätigkeitskonzert Les Enfoirés 2016 vertont. Schon kurz nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November 2015 lief “Liberté” in Frankreich massiv im Radio. Peyroux und Klein stießen auf das Lied, als sie versuchten, Musik zu Szenen in dem Dokumentarfilm zu schreiben, die den Jungen bei seinen täglichen Ausflügen und Aktivitäten zeigten. Die Szenen warfen Fragen darüber auf, wie es die Eltern schafften “mit dem Wissen zu leben, dass ihr Sohn kein erfülltes Leben führen wird”. Ausgelöst wurden auch Reflektionen über “die größten Fragen des Lebens:

die Sterblichkeit, die Überwindung von Widrigkeiten und den Platz des Menschen im großen Ganzen”.

Das 21 Strophen umfassende Gedicht wurde für das Album gekürzt und die Strophen angepasst, bevor Peyroux und Klein ihre eigene Komposition dazu schrieben. “Liberté” beginnt mit den Versen “Auf meine Schulhefte / Auf mein Pult und die Bäume / Auf den Sand auf den Schnee / Schreib ich deinen Namen”, um danach die Essenz der Kindheit und des Heranwachsens zu vermitteln. Im weiteren Verlauf geht es um das Erwachsensein, romantische Einsamkeit und die vielen Facetten des menschlichen Lebens, bevor es schließlich von Krankheit, Tod und Genesung handelt. “In jeder Strophe erwähnt Éluard andere Orte, imaginäre und reale, an denen er ‘den Namen’ schreiben würde, aber der Name selbst bleibt bis zum letzten Vers ein Rätsel. “Und durch die Macht eines Wortes / Beginn ich mein Leben neu / Ich bin geboren dich zu kennen / Dich zu nennen / Freiheit.” Kleins einfühlsame Produktion verleiht dem fesselnden Gedicht eine bezaubernde volkstümliche Schlichtheit. Peyroux’ hypnotisierende Stimme wird hier nur von Kleins Akustikgitarre und Warrens stimmungsvollen Synthie-Streichern begleitet.

Peyroux bezeichnet “Anthem” als ihr “bisher größtes Projekt”. Die Künstlerin verbrachte etliche Monate im Studio, um am Sound zu feilen. Eine Besonderheit des Albums ist, dass es mit den Musikern eingespielt wurde, die auch an den Songs mitwirkten. “Bei diesem Album ging es darum, die Songs zu entdecken, während sie aufgenommen wurden”, verrät Peyroux, “und den Mut zu haben, die Lieder ihren eigenen Weg gehen zu lassen.” Das neue Album enthält mehrere Songs, die unverkennbar Peyroux’ Autorenschaft verraten, darunter “On My Own” und “On A Sunday Afternoon”. Aber beseelt ist “Anthem” von dem Geist, neue Stile zu erkunden. Wohl wissend, dass “sich immer ein roter Faden durch die Musik zieht, wenn man sich selbst treu ist”.

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